Holzapfel: Europäisches Öko-E-Auto als Lösung für die Autoindustrie
Der Verkehrsforscher Helmut Holzapfel hält die Angst vor einem Kollaps der deutschen Autoindustrie für unbegründet, mahnt aber Nachholbedarf bei der Elektromobilität an. Er präsentiert ein Konzept für ein europäisches Zukunftsauto, das auf Leichtigkeit, Sicherheit und Unabhängigkeit von fremder Software setzt.
Die deutsche Autoindustrie befindet sich in einer Phase intensiven Wandels, doch eine drohende systemische Krise ist nach Ansicht von Verkehrsforscher Helmut Holzapfel nicht absehbar. Der emeritierte Professor an der Universität Kassel und Experte für Mobilitätskultur stuft Vergleiche mit einem neuen industriellen „Detroit“ in Wolfsburg oder Baden-Württemberg als stark übertrieven ein. Zwar bremsen die aktuelle Zollpolitik der USA sowie das stockende globale Wirtschaftswachstum den Absatz, doch deutsche Hersteller wie Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW behaupten ihre Position weiterhin. Im Jahr 2025 war Volkswagen nach Umsatz der größte Fahrzeughersteller der Welt, während Mercedes und BMW ihre Führungsposition im Premiumsegment festigten.
Trotz dieser globalen Stärke räumt Holzapfel ein, dass europäische Konzerne zu spät und zögerlich auf die Elektromobilität reagiert hätten. Besonders im unteren und mittleren Marktsegment fehle es an preiswerten Modellen. Der Rückstand gegenüber der Konkurrenz aus China und den USA sei jedoch kein dauerhafter Zustand mehr. Durch den Druck der EU-Abgasvorschriften habe sich in Europa etwas getan. Laut dem Versicherer Allianz Trade bieten europäische Elektroautos und Limousinen unter 50.000 Euro bei der Fahreffizienz – gemessen als Verhältnis von Kaufpreis und Reichweite – inzwischen eine um drei bis fünf Prozent bessere Leistung als ihre chinesischen Konkurrenten. Dies sei kein Rückstand, sondern ein Vorsprung.
Auch in den Bereichen Qualität und Sicherheit, die chinesischen Herstellern zunehmend Probleme bereiten, bleibe Europa vorne. Holzapfel kritisiert jedoch die Taktiererei des Volkswagen-Konzerns. Der Einstieg in die E-Mobilität sei für VW und insbesondere seine Tochter Porsche zu spät und nicht konsequent erfolgt. Das Management habe erst elektrisch geblinkt, mit unattraktiven Modellen gewartet und dann zurückgerudert, weil die konservative Kundschaft nur langsam umdachte. Mit dem neuen E-Polo komme der Konzern nun in Gang, doch die Produktionskapazitäten müssten dringend angepasst werden, um die Nachfrage zu decken. Aktuell liegen die Lieferzeiten für das Fahrzeug bei zehn bis zwölf Monaten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist der Rückstand beim autonomen Fahren gegenüber den USA und China. Holzapfel sieht Europa hier jedoch nicht weit zurück; Mercedes-Benz halte weiterhin eine Spitzenposition in der Entwicklung. Er prognostiziert, dass sich die komplexe und teure Automatisierungstechnik zunächst bei Lkw und Taxis rechnen werde, bevor sie für den Massenmarkt tauglich sei. Die Frage bleibe, ob Menschen bereit seien, Autos zu kaufen, die sie fremdsteuern, alle Abläufe kontrollieren und umfassende Daten sammeln. Schon heute überfordere das Einstellen der assistierten Fahrsoftware viele Nutzer.
Auf die aktuelle Krise reagieren die Autokonzerne vor allem mit Sparprogrammen, Stellenabbau und Lohndruck. Holzapfel verneint jedoch, dass dies die nötige Entlastung bringe. Echte Entlastung ließen sich nur durch zukunftsfähige E-Autos erzielen. Zwar seien Anpassungen in der Belegschaft nötig, doch Deutschland habe eine gute Tradition darin, schwierige Tarifkonflikte zu lösen, wovon er ausgehe.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat starken Druck auf die EU ausgeübt, um das Verbrennerverbot ab 2035 abzumildern. Die Industrie erhofft sich dadurch mehr Spielraum und wirtschaftliche Entlastung. Holzapfel warnt jedoch: „Das wird ein Rohrkrepierer.“ Der Fortschritt zur Elektromobilität sei nicht aufzuhalten, vom neuen E-Smart-Zweisitzer bis zur Oberklasse. Er sei zuversichtlich, dass der Markt entscheide. Wer kaufe noch einen neuen Verbrenner, dessen Wiederverkaufswert in drei Jahren unsicher sei? Der Marktanteil deutscher E-Autos steige.
Die aktuelle EU-Initiative, die statt 100 Prozent reinen E-Modellen ab 2035 nur 95 Prozent vorsieht, werde die Welle nicht aufhalten. Sie streiche zwar Verbrenner-Nostalgikern die Seele, doch diese müssten den Erhalt ihrer Fahrzeuge an der Tankstelle teuer bezahlen, da es dort 2035 deutlich weniger geben werde als heute.
Holzapfel hat ein Konzept für ein „europäisches Zukunftsauto“ entwickelt, das der Konkurrenz Paroli bieten soll. Dieses Fahrzeug müsse klein und leicht sein, mit hoher Nutzerqualität im Alltag. Die Steuerung solle ergonomisch über Knöpfe, Tasten und Kippschalter erfolgen, ohne Touchscreen. Zudem seien hohe Sicherheit, Unabhängigkeit von fremder Software, Dauerhaftigkeit und Werterhaltung bei Fahrwerk, Innenraum und Karosserie entscheidend. Im Gegensatz zu den in „China Speed“ konstruierten Fahrzeugen, die schnell altern und oft Probleme mit dem Innenraum oder der Bremstechnik aufweisen, solle sich das europäische Auto davon absetzen.
Ein zentraler Aspekt ist das Design: Ein E-Auto benötige keinen Kühler und keine massive Front, die Fußgänger und Radfahrer gefährdet. Europäisches Design mit niedrigem Luftwiderstand und Eleganz biete hier besondere Chancen. Das Fahrzeug soll intelligent mit dem Stromnetz, der Ladeinfrastruktur und digitalen Diensten verbunden sein. Sicherheit im Digital- und Stromnetz sei dabei essenziell; niemand wolle seine Daten auf einem chinesischen Rechner liegen haben, der das Auto abschalten könne. Dies sei eine Chance für europäische Hersteller, unabhängig von Asien und den USA zu sein.
Die Ladeinfrastruktur biete großes Potenzial, da Autobatterien im bidirektionalen Betrieb das Stromnetz bei fluktuierendem Solar- und Windstrom stabilisieren könnten. Ein weiterer Baustein ist die Kreislaufwirtschaft. Altfahrzeuge und gebrauchte Komponenten würden zu Rohstofflagern für die Wiedergewinnung wertvoller Materialien. Stahlrecycling könne verbessert werden, wenn wertvolle Teile vor dem Schrott gerettet würden. Bei Kreisläufen liefe Europa gut; das Batterierecycling bei Mercedes sei vorbildlich, auch wenn diese Erfolge wenig bekannt seien.
Ökologisch könnten weitere Schritte gegangen werden. Für Klimaanlagen, die PFAS produzieren, gebe es bei VW-Modellen bereits Alternativen. Auch die Reduktion von Feinstäuben bei Reifen und Bremsen mache Fahrzeuge zukunftsfähiger. Der wichtigste Umweltfaktor bleibe jedoch die Batterie. Holzapfel plädiert dafür, sie so klein wie möglich zu halten. Große Batterien erhöhten das Gewicht und den Stromverbrauch sowie die Umweltbelastung durch kritische Rohstoffe. Stattdessen solle man das Konzept des Range Extenders wiederbeleben: einen kleinen, benzinbetriebenen Zusatzmotor als Stromgenerator für größere Reichweiten. Dieses in Deutschland entwickelte Konzept, einst beim BMW i3 erhältlich, werde heute in China erfolgreich genutzt.
Ein europäisches Öko-E-Auto nach diesem Konzept könnte global ein Markterfolg werden. Eine Studie der NGO „International Council on Clean Transportation“ habe gezeigt, dass ökologische Strategien Arbeitsplätze nicht vernichteten, sondern Zehntausende neu schaffen könnten.
O. Larsen--BTZ