Über 100 Höhlenbären-Skelette in Südtirol entdeckt
Bei einer Expedition in den Südtiroler Dolomiten hat ein Bergführer eine bisher unentdeckte Höhle mit über hundert Skeletten des prähistorischen Höhlenbären entdeckt. Die archäologische Behörde sichert die Fundstelle in extremen Höhenlagen, um sie vor Plünderungen zu schützen und wissenschaftliche Analysen zu ermöglichen.
In den Südtiroler Dolomiten wurde eine bedeutende paläontologische Entdeckung gemacht: In einer Höhle in über 2.800 Metern Höhe haben Forscher die Überreste von mehr als hundert Höhlenbären geborgen. Die Fundstelle, bekannt als Conturines-Bärenhöhle, liegt im Naturpark Fanes-Sennes-Prags und enthält Skelette der Art Ursus ladinicus in einem außergewöhnlich detaillierten Zustand. Die Entdeckung wurde von dem erfahrenen Bergführer Kurt Walde gemacht, der den Zugang zum bisher verschollenen Hauptabschnitt der Höhle Anfang Juli fand.
Walde war bei einer Wanderung im Gadertal auf die unentdeckte Kammer gestoßen. Obwohl er die Existenz der Höhle nicht kannte, hatte er drei Jahre lang in den Alpen nach ähnlichen Fundorten gesucht. Die Höhle selbst wurde ursprünglich 1987 entdeckt, aber fast vierzig Jahre lang nicht betreten. Walde beschrieb den Fund auf Instagram als etwas, das seine Vorstellungen übertraf. Der Hauptgang erstreckt sich über eine Länge von 200 Metern und liegt in großer Höhe im Gebirge.
Kurz nach der Entdeckung wurde ein Archäologenteam per Hubschrauber zur abgelegenen Stelle geflogen, um erste Vermessungen durchzuführen. Christian Terzer, Direktor des Amts für Archäologie in Bozen, betonte die Dringlichkeit der Sicherungsmaßnahmen. Die Experten traten in voller Schutzkleidung in die Höhle ein, um eine Kontamination zu vermeiden. Anschließend wurde der Eingang einbruchsicher verschlossen, um unbefugten Zutritt und Plünderungen zu verhindern.
Die Sorge vor Raubgräbern ist begründet: Das nahegelegene Höhlensystem Conturines war vor dem offiziellen Beginn der Ausgrabungen 1987 fast vollständig geplündert worden. Archäologen vermuten, dass die neu entdeckte Kammer und die ältere Fundstelle einst miteinander verbunden waren. Diese Verbindung soll nun überprüft werden. Terzer erklärte gegenüber der WELT, dass die primäre Aufgabe darin bestand, die Unversehrtheit des einzigartigen Fundes zu bewahren.
Für die Wissenschaft gilt die Höhle als eine von modernen Einflüssen unberührte Zeitkapsel. Geplant sind DNA-Untersuchungen an Sedimenten und Knochenfragmenten sowie paläobotanische und paläoklimatologische Analysen. Um das Ökosystem zu schützen, wurde am Eingang eine spezielle Schutzplane angebracht, die üblicherweise in Krankenhäusern verwendet wird. Das Betreten des Inneren ist ausschließlich in Ganzkörper-Schutzkleidung erlaubt, ähnlich wie bei der Untersuchung der Gletschermumie Ötzi.
Bisher sicherten die Wissenschaftler nur ein einziges Knochenfragment, das direkt im Eingangsbereich lag und durch die Sicherungsarbeiten Schaden zu nehmen drohte. Im Inneren der Höhle liegen tausende Knochen verstreut, einige noch in ihrer ursprünglichen Struktur. Terzer ist zuversichtlich, dass einzelne Tiere rekonstruiert werden können. Für das kommende Jahr plant seine Behörde ein breit angelegtes, interdisziplinäres Forschungsprojekt unter internationaler Beteiligung. Einbezogen werden Paläontologen, Klimaforscher, Paläobotaniker, Speläologen und Experten für fossile DNA.
Vorläufig ruhen die Arbeiten jedoch: Wegen des Wintereinbruchs ist die steile Felswand seit dieser Woche nicht mehr erreichbar. Die eigentliche Erforschung der Höhle soll im Juni 2027 starten. Der Höhlenbär war mit einer Schulterhöhe von 1,70 Metern, einer Körperlänge von dreieinhalb Metern beim Aufrichten und einem Gewicht von bis zu einer Tonne eines der imposantesten Großsäugetiere des eiszeitlichen Europas. Er gehörte zur Megafauna zusammen mit Mammut, Wollnashorn und Höhlenlöwe.
Vor etwa 20.000 Jahren verschwand die Art nach aktuellen Kenntnissen von der Bildfläche. Ein internationales Forscherteam führt das Aussterben maßgeblich auf den Menschen zurück. Die Wissenschaftler analysierten Bären-DNA aus über einem Dutzend europäischer Höhlen und stellten fest, dass der dramatische Einbruch in Vielfalt und Population des Höhlenbären zeitlich mit dem Auftreten des modernen Menschen zusammenfiel. Eine entscheidende Rolle spielte das Verhalten der Tiere: Als Pflanzenfresser kehrten sie stets zu ihren angestammten Quartieren zurück. Da der Mensch diese Unterschlüpfe ebenfalls beanspruchte, verdrängte er die ortstreue Art zunehmend.
Die durch Jagd geschrumpften Bestände konnten sich nicht mehr erholen. Funde von Pfeilspitzen in Knochen sowie Einkerbungen durch Werkzeuge belegen, dass Höhlenbären gejagt wurden. Co-Autorin Susanne Münzel von der Universität Tübingen erklärte, dass den Bären der Kopf abgetrennt und sie entfleischt wurden, um als Nahrung zu dienen. Damit widerlegen die Ergebnisse die These, der Bär sei lediglich an einer einseitigen Ernährung im Winterschlaf zugrunde gegangen.
S. Sokolow--BTZ