Bürger in Neukaledonien stimmen in Referendum erneut für Verbleib bei Frankreich
In einem dritten und letzten Unabhängigkeitsreferendum haben sich die Bewohner des französischen Überseegebiets Neukaledonien erneut für den Verbleib bei Frankreich entschieden. Mit einer überwältigenden Mehrheit von 96,5 Prozent votierten die Bürger der Inselgruppe im Südpazifik am Sonntag dafür, Teil Frankreichs zu bleiben. Nur 3,5 Prozent stimmten für eine Abspaltung. Allerdings war die Wahlbeteiligung äußerst niedrig - die überwiegend aus Nachfahren der Ureinwohner bestehende Unabhängigkeitsbewegung hatte das Referendum boykottiert.
Die Inselgruppe Neukaledonien, die 2000 Kilometer östlich von Australien liegt, gehört seit 1853 zu Frankreich und besitzt nach wie vor geostrategische Bedeutung für Paris. In den 1980er Jahren hatten Konflikte zwischen Nachfahren der Ureinwohner und europäischstämmigen Bewohnern gewalttätige Zusammenstöße ausgelöst, bei denen mehr als 70 Menschen starben. Als Reaktion wurde das Nouméa-Abkommen geschlossen, das eine Dezentralisierung der Macht sowie bis zu drei Unabhängigkeitsreferenden bis 2022 vorsieht.
In den Jahren 2018 und 2020 hatten sich die Neukaledonier in zwei Referenden bereits gegen eine Abspaltung von der früheren Kolonialmacht Frankreich ausgesprochen. 2018 stimmten mehr als 56 Prozent der Wähler gegen eine Abspaltung, bei dem zweiten Referendum votierten im Oktober 2020 rund 53 Prozent gegen die Unabhängigkeit.
Unabhängigkeitsbefürworter hatten zum Boykott der Abstimmung vom Sonntag aufgerufen und eine Verschiebung des Referendums gefordert, da angesichts der Corona-Pandemie ein "fairer Wahlkampf" nicht möglich gewesen sei. Dass das Referendum dennoch abgehalten wurde, hatte die größte Unabhängigkeitsbewegung FLNKS als "Kriegserklärung" bezeichnet.
Es wird befürchtet, dass das Ergebnis erneut zu ethnischen Spannungen wie in den 80er Jahren führen könnte. Die ärmere, von den Ureinwohnern abstammende Bevölkerung Neukaledoniens befürwortet mehrheitlich eine Unabhängigkeit von Frankreich, während die wohlhabendere weiße Bevölkerung mehrheitlich Frankreich zugehörig bleiben möchte. Wie AFP-Reporter berichteten, war die Wahlbeteiligung am Sonntag in den von Nachfahren der Ureinwohner bevölkerten Gegenden besonders niedrig. Nach offiziellen Angaben lag die Wahlbeteiligung insgesamt bei 43,9 Prozent.
Die Unabhängigkeitsbewegung drohte bereits, das Ergebnis der Abstimmung nicht anzuerkennen und bei den Vereinten Nationen eine Annullierung erreichen zu wollen.
Frankreich verfügt über 13 Überseegebiete mit einer Gesamtbevölkerung von 2,7 Millionen Menschen. Die Armutsquote sowie die Arbeitslosigkeit sind dort generell höher als auf dem französischen Festland, was seit langem zu Vorwürfen führt, Frankreich vernachlässige diese Gebiete.
Neukaledonien ist für Frankreich wirtschaftlich und geostrategisch von großer Bedeutung. Die Inselgruppe verfügt über rund zehn Prozent der weltweiten Nickelvorkommen, welches in der Stahlproduktion sowie bei der Herstellung von Batterien und Mobiltelefonen zum Einsatz kommt.
Das Gebiet ist zudem von Bedeutung für Frankreichs Anspruch, eine Pazifikmacht zu sein. Paris verfügt über Seerechte in der Umgebung Neukaledoniens sowie über einen dortigen Militärposten.
Experten zufolge könnte sich Neukaledonien im Falle einer Unabhängigkeit China annähern, das bereits enge wirtschaftliche Verbindungen zu anderen Pazifikinseln aufgebaut hat und auch politisch Einfluss auf diese ausübt. "Sollte der Schutz Frankreichs verschwinden, würde alles darauf hinauslaufen, dass China sich dauerhaft in Neukaledonien etabliert", sagte der auf die internationalen Beziehungen Frankreichs spezialisierte Experte Bastien Vandendyck.
(L. Solowjow--BTZ)