Zahl der Toten und Vermissten nach Sturzflut im Himalaya steigt weiter
Zwei Tage nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya ist die Zahl der Toten auf mindestens 584 gestiegen, mindestens 2482 Menschen werden noch immer vermisst, darunter hunderte ausländische Touristen. Eine vierköpfige deutsche Familie wurde unterdessen nach AFP-Informationen gerettet. Aus Furcht vor einer neuerlichen Flutwelle aus einem neu entstandenen Stausee wurden die Such- und Rettungsarbeiten am Freitag stundenlang unterbrochen, die Menschen wurden aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen.
In Nepal meldeten die Behörden am Freitag 579 Todesopfer und 1924 Vermisste, die chinesischen Behörden meldeten bislang fünf Tote und 558 Vermisste in Tibet. Unter den Vermissten sind laut der nepalesischen Tourismusbehörde mindestens acht Deutsche. Das Auswärtige Amt hatte am Donnerstag von "einer niedrigen zweistelligen Zahl" deutscher Staatsangehöriger gesprochen, die nach dem Unglück noch nicht erreicht werden konnten.
Wie ein AFP-Reporter berichtete, wurde in der nepalesischen Wanderregion Langtang eine vierköpfige deutsche Familie von Rettungskräften in Sicherheit gebracht. Sie hatte angesichts von Erdrutschen auf halbem Weg kehrtgemacht.
Die Suche nach weiteren Überlebenden wird durch zerstörte Straßen, meterhohen Schlamm und die Gefahr neuer Überschwemmungen und Erdrutsche erschwert. Auf der tibetischen Seite der Grenze erreichte am Freitagnachmittag erstmals eine Gruppe von 21 chinesischen Feuerwehrleuten mit einem Spürhund das schwer getroffene Gebiet um den Grenzort Gyirong. Dort werden hunderte Menschen vermisst.
Am Freitagmorgen hatte die nepalesische Polizei wegen eines nach dem Gletscherabbruch entstandenen Sees in Tibet vor einer möglichen neuen Flutwelle gewarnt. Einsatzkräfte und Bewohner gefährdeter Gebiete wurden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Am frühen Nachmittag wurde die Warnung wieder aufgehoben. Chinesischen Staatsmedien zufolge nahm die Gefahr eines Überlaufens des Sees allmählich ab.
Weiterer Regen könnte die Rettungsarbeiten jedoch erschweren. Die Behörden in Tibet warnten vor starken Niederschlägen und Gewittern in den kommenden Tagen. Durch anhaltenden Regen bestehe eine erhöhte Gefahr weiterer Überschwemmungen und Erdrutsche.
In Nepal bemühten sich Rettungskräfte um mehr als hundert Menschen, die in einem Tunnel an der Baustelle eines Wasserkraftwerks eingeschlossen waren. Zwei Militärhubschrauber wurden dorthin geschickt. Selbst die Zugänge zum Tunnel seien jedoch nur schwer zu finden, sagte Armeesprecher Raja Ram Basnet AFP. 350 Arbeiter und Anwohner seien bereits unter "äußerst riskanten" Bedingungen gerettet worden.
Für den Einsatz an dem Tunnel bat das Land Indien um Hilfe. Neu Delhi bereitete daraufhin die Entsendung eines erfahrenen Tunnelrettungsteams vor. Indische Einsatzkräfte hatten 2023 nach einer 17-tägigen Rettungsaktion 41 Arbeiter aus einem eingestürzten Himalaya-Tunnel befreit.
Am Mittwoch war eine gewaltige Welle aus Wasser, Schlamm und Geröll durch das Grenzgebiet zwischen Nepal und der chinesischen Region Tibet geströmt und hatte ganze Ortschaften mitgerissen. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte wurde die Katastrophe durch den Abbruch eines Gletschers ausgelöst. Dieser war so heftig, dass er als Beben der Stärke 5,2 registriert wurde.
Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften schätzt, dass etwa 93.000 Menschen von der Katastrophe betroffen sein könnten. Die Sturzflut ist die tödlichste Katastrophe in Nepal seit dem Erdbeben von 2015 mit rund 9000 Todesopfern.
Viele Angehörige warteten weiter verzweifelt auf Nachricht von Vermissten. "Wohlstand ist mir nicht wichtig. Ich will nur meinen Sohn zurück", sagte die Nepalesin Kula Priya in einem provisorischen Krankenhaus. "Wenn irgendjemand ihn für mich retten kann, bitte tut das für mich."
Die EU sagte Nepal zwei Millionen Euro Soforthilfe zu. Damit solle "lebensrettende Hilfe für die am stärksten betroffenen Familien und Gemeinschaften" finanziert werden, erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
O. Joergensen--BTZ