Berliner Tageszeitung - WM-Brennpunkte: Von "geistigem Schaden" bis "Umweltsauerei"

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WM-Brennpunkte: Von "geistigem Schaden" bis "Umweltsauerei"




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WM-Brennpunkte: Von "geistigem Schaden" bis "Umweltsauerei" / Foto: © AFP

MENSCHENRECHTE: Die Aussagen von Khalid Salman ließen tief blicken. Als "geistigen Schaden" bezeichnete der WM-Botschafter Katars Homosexualität - und ließ die Versprechen der vergangenen Wochen wie reine Lippenbekenntnisse wirken. Menschenrechtsorganisationen bemängelten in den vergangenen Jahren und Monaten immer wieder die Unterdrückung von Homosexuellen und Frauen in Katar. Die von der deutschen Innenministerin Nancy Faeser eingeholten "Sicherheitsgarantien" könne es nicht geben. Für Homosexuelle, die nach Katar reisen wollen, bestehe "ein großes Risiko", dass das Zeigen von gleichgeschlechtlicher Liebe "geahndet wird - egal welche Zusicherungen es gibt", warnt etwa Human Rights Watch: Laut Deutschland-Direktor Wenzel Michalski werden Menschenrechte in Katar weiterhin "mit Füßen getreten". Und FIFA-Präsident Gianni Infantino? Der forderte unlängst, während der WM doch bitte den Fußball in den Vordergrund zu stellen.

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KORRUPTION: Wie konnte es sein, dass sich bei der WM-Vergabe 2010 ausgerechnet die schlechteste Bewerbung durchsetzte? Angesichts des beispiellosen Korruptionsnetzwerks, welches unter dem damaligen FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter im Weltverband entstanden war, gibt es für Kritiker nur eine Antwort: Katar hat die WM gekauft. Anhaltspunkte gibt es genügend: Whistleblower berichteten in den Jahren nach der Vergabe über mehrere zwielichtige Vorgänge, auch über die Einflussnahme der (französischen) Politik wurde vielfach berichtet. Fest steht aber auch: Eine Verurteilung mit Blick auf die mögliche Korruption gibt es bis heute nicht - und auch Katar beteuert weiterhin vehement seine Unschuld.

GASTARBEITER: Wie viele tote Gastarbeiter es seit der WM-Vergabe in Katar nun wirklich gab, scheint niemand so genau zu wissen. Die von FIFA und Katar verbreitete Zahl von drei Todesfälle auf Baustellen der WM-Stadien? Laut Menschenrechtsorganisationen jedenfalls doch "sehr unwahrscheinlich". Bei Human Rights Watch geht man jedenfalls davon aus, "dass Tausende gestorben sind". Seit Jahren steht Katar wegen der systematischen Missachtung der Rechte von Gastarbeitern in der Kritik. Viele Todesfälle, auch auf WM-Baustellen, seien niemals aufgeklärt worden, bemängelt HRW. Vor der anstehenden Endrunde werden Forderungen nach einem Entschädigungsfonds für die Hinterbliebenen immer lauter, auch der DFB hatte sich angeschlossen. Die FIFA kündigte bereits an, nach Lösungen zu suchen.

PRESSEFREIHEIT: Sicherheitskräfte, die die Berichterstattung stören und damit drohen, die eingesetzte Kamera zu zerstören. Diese Vorkommnisse sollen Bilder des dänischen TV-Senders TV2 von Dreharbeiten in Katar belegen. Die betroffenen Journalisten bekamen später Recht - doch die Zweifel an der Pressefreiheit in Katar bleiben. Wie der britische "Guardian" im Vorfeld des Turniers berichtet hatte, müssen TV-Teams für eine Drehgenehmigung einzelnen Bedingungen zustimmen, die sie unter anderem daran hindern würden, Unterkünfte von Gastarbeitern zu filmen. Gerade eine Berichterstattung über die Zustände in Katar würde durch die Restriktionen "stark beeinträchtigt", kritisierten Menschenrechtsorganisationen. Eine Einschränkung der Pressefreiheit wollen die WM-Organisatoren nicht erkennen. "Tausende Journalisten berichten jedes Jahr uneingeschränkt und ohne Beeinträchtigung aus Katar", hieß es in einer Stellungnahme.

KLIMAVERSPRECHEN: 3,6 Millionen Tonnen CO2 - mit dieser Emissionsmenge rechnen die Organisatoren in Katar. Das sind rund 1,5 Millionen Tonnen mehr als bei der bislang letzten WM in Russland - und Umweltorganisationen gehen sogar von noch höheren Zahlen aus. Demnach würde der Golfstaat den aus dem Bau sieben neuer Stadien resultierenden ökologischen Fußabdruck massiv unterschätzen. Schließlich sei keinesfalls garantiert, dass die Stadien auch nach der WM so regelmäßig genutzt würden, wie es die Organisatoren in ihren Berechnungen vorsehen. Umweltverbände bezeichnen die katarischen Versprechen eines CO2-neutralen Turniers als "Augenwischerei" und sprechen angesichts einer größtenteils neu errichteten Infrastruktur von einer "Umweltsauerei".

A. Bogdanow--BTZ